Das Urteil über das Vergessen der Surah al-Fatihah im Gebet – حكم نسيان قراءة الفاتحة في الصلاة

بسم الله الرحمن الرحيم

Das Lesen der Surah al-Fatihah ist eine Säule (Rukn) des Gebetes in jeder Gebetseinheit (Rak’aah) und stellt eine unvermeidliche Pflicht dar. Dies aufgrund der Aussage des Propheten – (sall-llaahu ‘alaihi was-sallam): ,,Es gibt kein Gebet für jemanden, der (darin) nicht (wenigstens) den eröffnenden Teil (Surah al-Fatihah) rezitiert” (Sahih al-Bukhari #714)

Derjenige, der diese Pflicht nicht erfüllt und al-Fatihah nicht liest, dessen Gebet ist ungültig. Auf die Frage, was zu tun ist, wenn das Lesen der al-Fatihah vergessen wurde oder die Pflicht des Rezitierens nicht bekannt war, gibt folgende Islamische Rechtsgutachten (Fatawa) der Gelehrten Auskunft.

Einige Fatawa zum Thema: Das Urteil über das Vergessen bzw. Unterlassen der Surah al-Fatihah im Gebet

Frage: Wenn zum Gebet aufgerufen wird (Iqamah) und während des Gebetes wird das Lesen der Fatihah vergessen in einer Gebetseinheit (Rak’aah) oder zwei (Rak’aatayn) und man folgt dem Imaam (d.h. man ist ein Ma’muum), ist dann mein Gebet korrekt oder nicht? Und ist es für mich erforderlich die „Eröffnende des Buches“ (al-Fatihah) zu lesen oder nicht? Und was sollte man in solch einer Situation tun?

Antwort: Wenn derjenige, der einem Vorbeter (Imaam) im Gebet folgt, dass Lesen der Fatihah vergisst oder er ist unwissend bzgl. dieser Pflicht oder er schließt sich dem Vorbeter erst dann an, wenn er sich in der Beugung (Rukuu’) befindet, so wird ihm unter diesen Umständen die  Gebetseinheiten (Rak’aah) zu geschrieben. Sein Gebet ist korrekt und er muss diese Gebetseinheit nicht wiederholen, denn er ist entschuldigt, aufgrund seiner Unwissenheit, Vergesslichkeit und dafür, dass er das Gebet in der Zeit des (senkrecht) Stehen (Qiyaam) nicht beiwohnen konnte. Und dies ist die Aussage von der Mehrheit der Gelehrten (Ahl al-‚Ilm oder ‚Ulamaa‘)

Imaam al-Bukhaari überlieferte in seinem Sahih-Werk von Abi Bakrah al-Thaqafiy, dass er den Propheten – (sall-llaahu ‘alaihi was-sallam) – erst bei der Verbeugung einiger Gebete erreichte. Er ging dabei allein in die Beugung hinter den Gebetsreihen und begab sich danach erst in die Gebetsreihe, woraufhin der Prophet – (sall-llaahu ‘alaihi was-sallam) – zu ihm sagte: ,,Möge Allaah deinen Eifer stärken, aber mach es nicht nochmal!“

Er ordnete ihm nicht an die Gebetseinheit (Rak’aah) nachzuholen, sondern verbot ihm die Beugung außerhalb der Gebetsreihe zu machen.

Und Allahs ist die Quelle des Erfolges.

Schaykh ‘Abd al-Aziz Ibn Baaz – Rahimahullaah – in Majmuu’ Fataawaa, Band 30.

Frage: Was ist das Urteil über das auslassen einer Rukn-Handlung (eine Handlung die eine Säule des Gebets ist), wie z.B. Surah al-Fatihah?

Antwort: Eine Person vergisst die Fatihah zu lesen und liest direkt eine andere Surah. (Erst) als sie im Ruku‘ ist, fällt ihr ein, die Fatihah vergessen zu haben. Sie (die Gelehrten) sagen, dass man in diesem Fall nicht zurückkehrt.

Die zweite Ansicht besagt, dass man zurückkehrt, solang man nicht bereits vier Rukn-Handlungen weiter ist.

Die dritte Ansicht ist die stärkste: Man kehrt zurück, solang man noch nicht mit der Qur’aan-Lesung der darauffolgenden Raka’ah (nicht Rukn) begonnen hat. Wenn man bereits mit der darauffolgenden Rak’ah begonnen hat, kann man die ausgelassene Rukn-Handlung (in dem Fall al-Fatihah) nicht mehr nachholen, sondern die darauffolgende Raka’ah ersetzt diejenige, in der die Rukn-Handlung ausgelassen worden ist. Am Ende vollzieht man die Sahw-Niederwerfung nach dem Salam.

Schaykh Muhammad al-Mukhtaar ash-Schinqiti in Scharh Zad al-Mustaqni‘ Band 2/5, Seite 374

Frage: Was ist das Urteil über das eigene Rezitieren des Qur’aans während des Gebetes hinter dem Vorbeter (Imaam)?

Antwort: Es ist für denjenigen, der ein Ma’muum ist verpflichtend, die Fatihah in den Pausen, die der Imaam in den lauten Gebeten (Jahri-Gebete: Fajr, Maghrib und ‘Ischa) und in den leisen Gebeten (Sirri-Gebete: ‘Asr, Dhuhur) macht, zu rezitieren, denn der Prophet – (sall-llaahu ‘alaihi was-sallam) –  sagte: „Es gibt kein Gebet für denjenigen, der die „Eröffnende des Buches“ (al-Fatihah) nicht rezitiert.“ (Überliefert von Abu Dawud und Imaam Ahmad)

Wenn der Imaam in den lauten Gebeten keine Pausen macht, muss derjenige der hinter ihm betet (Ma’muum), al-Fatihah lesen, während der Imaam den Qur’aan (nach al-Fatihah) rezitiert. Nach dem Lesen von al-Fatihah wird wieder dem Imaam zugehört. Der Prophet – (sall-llaahu ‘alaihi was-sallam) – sagte: „Habt ihr etwa hinter eurem Imaam rezitiert?“ Wir (die Gefährten) sagten: „Ja.“ Er – (sall-llaahu ‘alaihi was-sallam) – sagte: „Tut dies nicht außer mit der „Eröffnende des Buches“ (al-Fatihah), denn es gibt kein Gebet für denjenigen, der sie nicht rezitiert.“ (Abu Dawud und Ahmad)

Wenn der Ma’muum jedoch unwissend über dieses Urteil ist, vergisst al-Fatihah zu rezitieren oder sie nicht mehr rezitieren kann, weil er das Gebet erreichte als der Imaam bereits in der Verbeugung (Rukuu‚) war, so ist für ihn das Rezitieren von al-Fatihah nicht zu berücksichtigen, aufgrund des Hadith von Abi Bakrah al-Thaqafiy, der in Sahih al-Bukhaari aufgezeichnet ist.

Bei Allaah ist der Erfolg. Friede und Segen seien auf unserem Propheten Muhammad, seiner Familie und seinen Gefährten.

Fataawa al-Lajnah al-Da’imah, Frage # 17626 (Schaykh Fawzaan, Bin Baaz, Aal ash-Schaykh und Bakr Abu Zayd)

Frage: Was sollte derjenige tun, der hinter dem Imaam das Gemeinschaftsgebet verrichtet, und noch dabei ist al-Fatihah zu rezitieren, der Imaam aber bereits in die Beugung (Rukuu’) geht, obwohl al-Fatihah noch nicht vollständig von demjenigen rezitiert wurde?

Antwort: Alles Lob gebührt Allah

Die Person, die hinter dem Imaam betet, sollte mit dem Imaam in die Beugung gehen, sobald er dies tut, denn der Prophet – (sall-llaahu ‘alaihi was-sallam) – sagte: ,,Der Vorbeter (Imaam) ist nur dazu da, damit ihm gefolgt wird. Macht nichts anderes als er! Wenn er sich vorbeugt, dann beugt euch vor! Wenn er ‚Sami’a Allaahu liman hamidah’ sagt, dann sagt ‚Rabbanaa wa laka Al-Hamd’! Wenn er sich niederwirft, dann werfet euch nieder!“ (Sahih al-Bukhaari)

Die Person, die hinter dem Imaam betet, ist also entschuldigt, wenn sie in diesem Fall al-Fatihah nicht vollständig lesen konnte, um dem Imaam zu folgen.

Und Allaah weiß es am besten.

Schaykh Muhammad Salih al-Munajjid auf IslamQA # 2833

Frage: Was soll ich tun, wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich Surah al-Fatihah gelesen habe?

Antwort: Da die Fatihah ein Rukn des Salah (Gebet) ist, sind manche Gelehrten der Ansicht, dass die absichtliche Hinzufügung einer Aussage, die Rukn ist (wie al-Fatihah), genauso zu behandeln ist wie die Hinzufügung einer Handlung, die Rukn (Säule) ist, und somit wird das Gebet ungültig. […]

Anders ist es jedoch, wenn man sich nicht sicher ist, ob man sie (al-Fatihah) gelesen hat: In diesem Fall muss man sie lesen, um sicher zu gehen, dass man diesen Rukn erfüllt hat, auch wenn sich hinterher herausstellen sollte, dass man die Fatihah in Wirklichkeit zweimal gelesen hat.

Schaykh Muhammad al-Mukhtaar asch-Schinqiti in Scharh Zad al-Mustaqni‘ Band 2/5, Seite 240 – 241

Zusammenfassung der Fatawa:

  • Surah al-Fatihah ist ein Säule (Rukn) des Gebetes und muss so behandelt werden wie die anderen Arkaan (Sing. Rukn) im Falle der Unterlassung bzw. der Auslassung durch Vergesslichkeit.
  • Die Fatihah sollte sowohl gelesen, wenn man alleine betet (Munfarid), hinter einem Imaam betet, d.h. im folgt (Ma’muum) oder wenn man selbst Vorbeter (Imaam) ist.
  • Derjenige, der die Fatihah vergisst und hinter dem Imaam betet ist entschuldigt, wenn er vergesslich oder unwissend bzgl. der Lesung al-Fatihah war und er muss keine Vergesslichkeits-Niederwerfung (Sujud as-Sahw) verrichten.
  • Die Rezitationspflicht der Fatihah entfällt für denjenigen, der sich erst während der Beugung dem Gebet anschließt.
  • Wenn man sich nicht im Klaren darüber ist, ob man Surah al-Fatihah gelesen hat oder nicht, so ist es erlaubt sie (erneut) zu lesen, auch wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass man die Fatiha zwei mal gelesen hat.
  • Sollte der Imaam mit dem Lesen der Fatihah fertig sein, bevor es bei einem selbst der Fall ist, und sich in die Beugung begeben, so sollte man ihm darin folgen.
  • Wenn man die Fatihah vergessen hat und einem dies z.B. in der Beugung einfällt, so kehrt man zurück, solange man noch nicht mit der Qur’aan-Rezitation des darauffolgenden Rak’aahs (nicht Rukn) begonnen hat. [Dies betrifft nur jene, die Vorbeter sind oder alleine beten! Beispiel: Man betet das ‘Asr-Gebet und vergisst bei Beginn al-Fatihah zu rezitieren. Dies fällt jedoch erst auf, während man schon in der Beugung oder Niederwerfung ist, so kehrt man sofort zum Stehen (Qiyaam) zurück und rezitiert al-Fatihah. Nach der Lesung begibt er sich wieder zurück zu der alten Position und betet wie gewohnt weiter. Nach dem Taslim wird dann Sujud as-Sahw verrichtet.]
  • Die Rak’aah, worin al-Fatihah vergessen wurde und man sie nicht mehr nachholen konnte (weil man bereits mit einer neuen Gebetseinheit angefangen hat) ist ungültig.
  • Falls man nicht mehr zum Rukn (das Lesen der Surat al-Fatihah) zurückkehren kann, weil man sich bereits in der darauffolgenden Rak’aah befindet, so ersetzt diese Rak’aah die ungültige, worin al-Fatihah ausgelassen wurde.
  • Wenn man Surah al-Fatihah oder andere Arkaan (Säulen) des Gebets unterlassen hat, so muss man Sujud as-Sahw (die Niederwerfung aufgrund der Vergesslichkeit) nach dem Taslim vollziehen. [Dies betrifft nur jene die Vorbeter sind oder alleine beten!]

Und Alles Lob gebührt Allaah

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Ein Pflichtgebet: Versäumt, Verschlafen oder Vergessen

Frage: Wenn ich mehrere Pflichtgebete versäumt, verschlafen oder vergessen habe, wie muss ich diese versäumten nachbeten? Muss ich zuerst die verpassten Gebete verrichten und dann das Gebet in der aktuellen Zeit, oder andersherum?

Antwort: Du betest (zuerst) die (die du verpasst oder verschlafen hast), dann das Gebet in der aktuellen Zeit. Es ist nicht erlaubt, die Gebete hinauszuzögern. Unter den Menschen gibt es eine weit verbreitete ( Falsche) Meinung: nämlich, dass ein Mensch, der ein verpasstes Gebet am nächsten Tag, in der Zeit verrichten sollte, wie die Zeit des Gebets, die man verpasst hat.

Beispiel: Wenn jemand das Fajr-Gebet (aus Vergesslichkeit) nicht verrichtet, dann soll er warten bis die Zeit von Fajr des nächsten Tages eintritt (um dieses Gebet nachzuholen). Und dies ist falsch. Dies widerspricht der Rechtleitung des Propheten – (sall-llaahu ‚alahi wa sallam)  -, (sowohl der) Sunnah Qawliiyah (Aussagen) und der Sunnah Fi’liyah (Taten).

So ist es nachgewiesen, dass der Prophet – (sall-llaahu ‚alahi wa sallam) – sagte: „Wer das Gebet verschlafen oder vergessen hat, soll es (nach)beten,  sobald er sich daran erinnert.“ [an-Nasaa’i. In einem ähnlichen Wortlaut findet man ihn bei Muslim] Und er sagte nicht: „Er soll es am nächsten Tag (nach) beten, wenn die Zeit (des verpassten Gebets) eingetroffen ist“, sondern „sobald er sich daran erinnert“.

Und bezüglich (der Sunnah) Fi’liyah: So verstrichen die Gebete, eines Tages (bei der Schlacht) von al-Khandaq. So betete er (der Prophet) sie nach,  bevor die andere Gebetszeit eingetroffen war. Dies ist ein Beweis dafür, dass der Mensch die verpassten Gebete (zuerst) verrichtet, und dann die zur aktuellen Zeit. Wenn er unwissend und nichts weiß (bzgl. dieser Regelung), so ist sein Gebet dennoch gültig (wenn er zuerst das Gebet in der aktuellen Zeit und dann seine verpassten Gebete verrichtet). Dies (die Unwissenheit) ist ein Entschuldigungsgrund für ihn.

In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass die Regelung bezüglich der  (verpassten) Gebete in drei Kategorien unterteilt wird:

1.  Wenn der Entschuldigungsgrund nicht mehr vorhanden ist, muss man die verpassten Gebete (unverzüglich) nachbeten. Dies ist Wajib (Pflicht).

2. (Gebete) die nicht nachgeholt werden können, sondern für diese ein Ersatz geleistet werden muss, und dies ist (z.B. das Verpassen des) Freitagsgebet. Wenn jemand den Imam (beim Freitagsgebet) erst nach dem zweiten Aufrichten von der Beugung erwischt: So muss diese Person in diesem Fall das Dhuhur-Gebet verrichten, in dem er ins (Freitags)Gebet mit der Absicht Dhuhur zu verrichten eintritt und sein Gebet zu Ende verrichtet, wenn der Imam Taslim gemacht hat. Wenn er (aber) noch die zweite Beugung doch erreicht, bevor der Imam von ihr sich aufrichtet, so betet er das Freitagsgebet. Er verrichtet noch eine Gebetseinheit (dazu), nachdem der Imam den Taslim gesprochen hat.Und (bzgl. Dieser Regel) sind viele Menschen unwissend. Einige Menschen kommen zum Freitagsgebet, (während) der Imam aus der Beugung der zweiten Gebetseinheit sich aufrichtet und beten dann noch nach dem Taslim nur zwei Gebetseinheiten als Ersatz für das Freitagsgebet, wobei dies ein Fehler ist. Sobald der Imam sich von der Beugung der zweiten Gebetseinheit erhoben hat, hat jemand, (der nicht vorher am Gebet teilgenommen hat) das Freitagsgebet verpasst. Stattdessen muss er Dhuhur beten, aufgrund der Aussage des Prophet – sall-llaahu ‚alahi was-salaam -: „Wer eine eine Gebetseinheit vom Gebet erreicht, hat somit das (ganze) Gebet erreicht.“ [al-Bukhari #580 und Muslim #607] Dies bedeutet, dass jemand, der keine Gebetseinheit eines Gebets erreicht, nicht das ganze Gebet erreicht. Daher beten Frauen und Kranke, die nicht zum Freitagsgebet gehen können, zu Hause das Dhuhur-Gebet. Würden sie zu Hause das Freitagsgebet verrichten, würde das von ihnen nicht angenommen werden.

3. Das verpasste Gebet, das nur in einer Zeit nachgeholt werden kann, in der das Gebet hätte verrichtet werden sollen. Dies gilt z. B. für das ‚Id (Fest) Gebet. Die Leute des Wissens sind der Meinung, dass das verpasste ‚Idgebet am nächsten Tag, in der bestimmten Zeit nachgeholt werden soll, wenn die Leute das Gebet nicht verrichten konnten, weil sie von der Tatsache, dass an dem Tag ‚Id ist, zu spät erfahren haben (z. B. kurz vor Dhuhr).

So lässt sich der Schluss auf drei Abschnitte teilen:

Erstens: Das Nachholen des Gebets, wenn der Entschuldigungsgrund aufgehoben wurde, und dazu gehören die 5 Gebete, ebenso al-Witr Gebet und die Sunnan.

Zweitens: Das Verrichten eines Gebets, als Ersatz für das verpasste Gebet, wie Dhuhur für das Freitagsgebet, wenn man es versäumt hat.

Drittens: Das Nachholen des Gebets, wenn der Zawaal (die Zeit, wo die Sonne ihren Höhepunkt erreicht hat) erreicht ist, so betet man am nächsten Tag, in der selben Zeit (wie das ‚Id-Gebet).

Und bei Allaah liegt der Erfolg

Schaykh Ibn al-‚Uthaymin – Rahimahullaah – in seinem Werk ,,Fatawa Arkaan al-Islaam“, Nr. 209